Personal Training // in Zeiten des Lockdowns

Was bedeutet Corona für den sportlichen Alltag?
Wie verändert Corona die Ausübung des Personal Trainings?
Und welche Chancen birgt Corona für Personal Trainer?


Von Tanja Gebhard.


Es ist 8 Uhr. Die Kinder sind aus dem Haus auf dem Weg zur Schule und mein Mann sitzt im Home Office.
Ich gehe ins Wohnzimmer, fahre meinen Laptop hoch und klicke auf den Zoom Link:
„Guten Morgen, bist Du fit?“ fragt Mike auf der anderen Seite des Bildschirms. „Dann legen wir los!“

Das Warm-up startet mit lauter Musik „I want to see you sweat...“ während Mike die Übungen vorführt, versuche ich diese schwitzend und keuchend auf meiner Seite des Bildschirms nach zu machen. Es folgt das Work-Out mit gefüllten Wasserflaschen als Hantelersatz und als Blackrollalternative für das Cool-down am Schluss.

Personal Training in Corona Zeiten macht erfinderisch, denke ich mir. Neue Wege muss man gehen, um am Markt attraktiv zu bleiben und den Kunden weiter an sich zu binden. Aber sind die Wege wirklich neu oder nur anders, dem Zeitalter entsprechend?
Früher hat man eine teuer gekaufte VHS-Videokassette in seinen Rekorde gelegt und folgte den Anweisungen von Jane Fonda & Co. Wenn die Kassette zu Ende war, spulte man zurück und freute sich auf die identischen Übungen zum nächsten Training. Einige Jahre später tummelte sich eine Flut von YouTube Videos von Sophia Thiel, Pamela Reif und anderen im Netz. Das Home-Gym boomte mit Millionen von Aufrufen. So ist das auch heute, in Zeiten von Corona und Lockdown, wenn Fitnessstudios geschlossen haben und Kontaktbeschränkungen eine erhebliche Auswirkung auf die Ausübung des Sports haben. Wirklich neu ist also nicht der Ort des Geschehens, sondern vielmehr hat sich die Art der Wertschöpfung weiterentwickelt. Heutzutage ist nicht mehr der Verkauf
einer Videokassette der einzige Umsatzträger, sondern das Geld verdient man mit Followern, Abonnenten, Aufrufen bei YouTube und Instagram und durch Werbepartner.

So hat auch mein „Online Personal-Trainer“ Mike gar keine andere Wahl, als via Skype, Zoom, Face Time oder WhatsApp sein Workout zu digitalisieren. Er muss den Anforderungen des Marktes begegnen und neben der Terminwahrnehmung zur 1:1 Live-Betreuung via Zoom, zusätzlich seine Homepage pflegen, Insta-Stories einstellen und eventuell auch YouTube Videos seiner Workouts bereitstellen. Das Aufgabenspektrum vom Personal Trainer hat sich massiv erweitert und ist heute, in Zeiten der Corona Pandemie, wichtiger denn je! Digitalisierung: Spaßbremse für den Sport? Ob mir das Training via Zoom Spaß gemacht hat? Klar, bleibt der soziale Kontakt auf der Strecke. Sicherlich ist es noch motivierender, wenn Mike und ich zusammen real trainieren, aber durch das Workout kann ich wenigstens am Ball bleiben. Ich kann weiter an meinen Zielen arbeiten. Aber JA ! - das Training hat mir Spaß gemacht! Mike hat nicht nur die Übungen vorgeführt, er hat mich auch in der Ausführung korrigiert und immer wieder motiviert. Weiter, höher, länger!

Und um die Frage „Ist Digitalisierung nicht eine Spaßbremse für den Sport?“ zu beantworten: Nein! Genau das Gegenteil ist der Fall! Digitalisierung führt zum mündigen Kunden, der jederzeit und an jedem Ort Kontakt zu seinem Personal Trainer aufnehmen kann, um Fragen zu stellen und Anregungen zu bekommen, die er dann eigenständig umsetzen kann. Und genau darum geht es doch: Ein selbstbewusster und zufriedener Kunde ist auch glücklich mit dem Personal Trainer. Der Personal Trainer als Partner im Sport. Und damit schließt sich der Kreis für den versierten Personal Trainer: Ein zufriedener Kunde wird Dich weiter empfehlen und was ist besser als positive Mund zu Mund Propaganda? Genau – Nichts ist hilfreicher und förderlicher!

Trotz des geringen sozialen Kontaktes während der Pandemie sollte man gerade jetzt NICHT auf Sport verzichten. Die körperlicher Aktivität sollte trotz aller Einschränkungen beibehalten werden. Auf diese Weise kann nicht nur einem quarantänebedingten Bauch, sondern auch einer quarantänebedingten Depression entgegen gewirkt werden. Die Bewegung und der Ausflug nach draußen wirken geradezu wie ein neu gewonnenes Lebenselixier und ein mentaler Frischekick! 

Macht Corona uns alle fett?
Wer sieht sie nicht plötzlich überall: Die Jogger im Wald, die sich in diesen Corona-Zeiten in ihren dicken Baumwollshirts und den in den Tiefen ihrer Kleiderschränke wiederentdeckten Turnschuhen aus alten und besseren Zeiten durch die Gegend schleppen. Sie schlurfen, stolpern, trotten umher und begehen dabei einen Fehler nach dem anderen. Manchmal kann man dabei zusehen: Stark angefangen und stark nachgelassen… 
Im Gegensatz dazu stellt Dein Personal Trainer mit Dir einen individuellen Trainingsplan auf und leitet Dich an, wie Dein Sport außerhalb des 1:1 am Bildschirm abläuft. Um genau die Fehler zu vermeiden – Stichwort „Prävention“-, die die typischen „Eintagsjogger“ da draußen machen. Zumindest solange bis sie aufgrund von Verletzungen durch Überbelastung oder schlechter Ausrüstung den Sport schneller wieder an den Nagel hängen, als das sie ihre Schuhe im Keller ausgegraben haben.

Kürzlich fiel mir die „nu3 Corona Studie“ in die Hände: Als Hauptursache für die rasante Gewichtszunahme in diesen außergewöhnlichen Zeiten ist das häufige, ungesunde Essen, dicht gefolgt von Bewegungsmangel. Wer kennt das nicht, wenn man plötzlich im Home Office ist: Vom Schreibtisch zum Kühlschrank zur Couch und wieder zurück - hoch lebe die Couchpotato! Und genau hier setzt das Personal Training an – online wie offline: Runter von der Couch und rein in die Sportschuhe - dann purzeln die Corona-Kilos und Spaß und Motivation kommen von ganz alleine. Der Personal-Trainer ist dabei die Synthese von Coaching und Internet. Covid 19: Turbo beim Umbruch im Personal Training!

Ich frage Mike, ob er glaubt, dass die technischen Medien wie Zoom auch nach der Pandemie weiterhin genutzt werden…..
„Wagen wir mal den Blick in die Glaskugel“ so Mike. „Durch die Digitalisierung findet ein Umbruch in der Fitness Branche statt. Durch die Nutzung der neuen Medien können Menschen, ungeachtet von deren Aufenthaltsort, einerseits näher zusammen gebracht werden, was speziell die virtuelle Durchführung von Gruppenkursen betrifft, und andererseits individuell ansprechbar bleiben“, so Mike. Ausgelöst durch die Corona-Pandemie wird das Ganze noch potenziert und ausschlaggebend für das Überleben der Personal Trainer am Markt.

Mike ist der Meinung, dass Online Coaching weiter boomen wird. Neben der technischen Durchführung der Trainings findet aber auch immer mehr eine Veränderung der technischen Ausstattung der Kunden statt, was wiederum das Training beeinflusst. Fitnessuhren und Fitnessarmbänder werden immer mehr zur Grundausstattung. Über Apps werden die Informationen dann weiter verarbeitet und in Form von Leistungskurven, Schlafrhythmen, Gewichtsentwicklungen etc. verdichtet, ausgewertet und geteilt.

„Ach Herrje, d.h. doch auch, dass wir immer gläserner werden und uns immer mehr über Anerkennung und Lob unserer erbrachten Leistungen mit und durch unserem Körper definieren“, entgegne ich spontan „Hoffentlich kommt es nicht dazu, dass meine Uhr auch meine persönliche Stimmung bestimmt, je nachdem ob ich mein persönlich festgelegtes Ziel, z.B. 10.000 Schritte am Tag, erreicht habe oder nicht?!“
Laut Mike ist das sicherlich ein Drahtseilakt zwischen Euphorie des Zielerreichens und Frustration, es nicht geschafft zu haben. Letzteres muss man dann eben als Anreiz sehen, „sein Ziel“ am nächsten Tag anzugehen und zu erreichen. Und das, ohne sich selbst zu sehr unter Druck zu setzen!
Also: Für den Personal Trainer werden sowohl die Informationen über den Kunden transparenter denn je als auch der Personal Trainer wird durch die Digitalisierung immer transparenter und vergleichbarer, was ein enormer Umbruch ist.

Personal Trainer: Eierlegende Wollmilchsau oder Spezialist?
Die Nähe wird zum Lokalvorteil, wie auch die Fokussierung auf bestimmte Nischen, und der Trend geht weg von der Eierlegenden Wollmilchsau hin zum Spezialisten. Schon jetzt beobachte ich, dass Personal Training immer fokussierter angeboten wird.
Hier eine Auswahl:

Durch die steigende Konkurrenz muss sich der Personal Trainer auch persönlich mehr denn je von seinen Mitstreitern abgrenzen, in Form von Empathiefähigkeit, Kreativität, Eigeninitiative, Einsatzbereitschaft, Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Authentizität, Professionalität, Fachliche wie auch methodische Kompetenzen.

Personal Training: Hopp oder Top?
Personal Training ist mit Abstand das Beste, was der sportlich versierte Kunde in der jetzigen, außergewöhnlichen Zeit machen kann. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Sowohl ich als auch Mike können uns beide lange Anfahrtswege mit lästigem Verkehr und Ärger über fehlende Parkplätze sparen. Der Ort des Geschehens ist eine Tür weiter. Die damit einhergehende Zeitersparnis ist enorm. Quality time, die anderweitig genutzt werden kann. Kein Hetzen und Terminstress im Vorfeld des Trainings - man nimmt die Online Stunde mit Ruhe und Muße wahr. Durch die Videofunktion kann Mike die Übungen vorführen und mich gegebenenfalls in meiner Übungsausführung korrigieren. Eklige Duschen und lästige Sporttasche packen entfallen - Komfort und Bequemlichkeit stehen klar im Vordergrund. Außerdem hat Mike aufgrund seiner ausgebauten Internetpräsenz eine viel größere Reichweite an Kunden. Während er bisher eher lokal unterwegs war, konnte er nun auch über seine YouTube Videos den ein oder anderen Kunden überregional für sich gewinnen. Er sieht diese außergewöhnliche Zeit somit zusätzlich auch als Chance, mehr Geschäft zu generieren. Wenn zusätzlich nur die Hälfte der „Sport-Wiederentdecker“ ihre Sportliebe, Bewegungsfreude und die QualityTime für sich nachhaltig entdecken, dann wird Mikes Geschäft noch mehr boomen, denn der deutsche Markt für Personal Training ist noch lange nicht gesättigt.
Und dennoch kann man es nicht leugnen: In Zeiten des Lockdowns fehlen sowohl mit als auch Mike der zwischenmenschliche Kontakt beim Live-Training.