Was hält uns jetzt gesund?

 

von David Klinkhammer

Was sollte man in der kalten Jahreszeit in Anwesenheit eines omnipräsenten Virus machen, um gesund zu bleiben? Sicherlich eine Frage, die derzeit oft gestellt wird. Die Antworten kommen schnell und fallen meist gleich aus. Gesunde Ernährung und viel Bewegung schützen vor Krankheit. Doch was ist mit unserer geistigen Gesundheit? Warum diese im Corona-Jahr 2020 besonders im Fokus steht und wie sie sich insbesondere in Beruf und Alltag bemerkbar macht, möchte ich in diesem Artikel erläutern.

Wenn man sich Bilder aus dem letzten Jahr anschaut, wirkt die Welt schon sehr surreal. Menschen stehen dicht an dicht in Konzerten und schwenken sich im Rhythmus zur Ballade des Interpreten, Fußballfans liegen sich nach dem Zittersieg ihrer Mannschaft in den Armen, beliebte Urlaubsorte sind gleichzeitig auch belebte Urlaubsorte und mit einer Maske war man höchstens im Karneval bzw. Fasching konfrontiert. Bei stetig steigenden inner- und außenpolitischen Spannungen auf der ganzen Welt hätten wir wohl eher mit den Konsequenzen eines bröckelnden Friedens gerechnet, der unseren Alltag einschränkt. Stattdessen macht das nun Corona.

Ein Virus, der das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und das öffentliche Leben lahmlegt. Dazu kommt die Angst vor dem Ungewissen. Wie lange geht es noch so weiter? Wie gefährlich ist der Virus für mich und meine Angehörigen? Werde ich nochmal in der Lage sein, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Die Wahrnehmung der Umwelt, welche diese Denkprozesse auslöst, mündet schließlich in einem natürlichen Abwehrmechanismus des Organismus: Stress.

Wir fühlen uns nicht mehr in der Lage, den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Dazu kommen die Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und sozialer Bindung, die einen radikalen Bruch erlebt haben. In unserem Organismus kann Stress auf Dauer unterschiedliche Reaktionen hervorrufen: Antriebs- und Schlaflosigkeit, Verspannungen und Schmerzen oder im längeren Verlauf zu einer Depression oder Sucht führen.

Das Virus kann also nicht nur unseren Körper krank machen, sondern es stellt unsere Psyche vor eine große Herausforderung. Das gilt für das Privat-, wie auch das Arbeitsleben.

In „systemrelevanten“ Berufen steigen aufgrund der vielen Neuinfektionen der Leistungs- und Zeitdruck. Menschen geraten an ihre körperlichen und geistigen Grenzen. Doch auch andere Branchen werden vor eine große Herausforderung gestellt. Hygienemaßnahmen müssen umgesetzt werden, um Infektionsketten zu unterbrechen. Hierzu zählen u.a. die Personalzahlen in den Büros auf ein Minimum zu reduzieren. Das Home/Mobile-Office ist geboren.

Damit ist der Arbeitnehmer jedoch mit einer neuen Umgebung konfrontiert. Hinzu kommt eine Vielzahl von digitalen Lösungen, welche zunächst - weil neu - als Erschwernis wahrgenommen werden. Außerdem darf man nicht vergessen, dass der Arbeitsplatz nun im trauten Heim steht. Der Ort, an dem bislang die Rollen Familienvater/-mutter und Ehemann/-frau ausgefüllt wurden. Ablenkungen und damit Zusatzbelastungen sind dadurch vorprogrammiert. Zudem stellt sich generell die Frage, ob wir beim Home-Office noch von einer gesunden Work-Life Balance sprechen können.

Auch der Betriebliche Gesundheitsmanager und Dozent der Deutschen Sportakademie Philipp Borgböhmer macht bei seiner Arbeit diese Erfahrungen mit seinen Kunden. In unserer aktuellen Podcast-Folge fasst er deren Sorgen zusammen, berichtet wie BGM in Corona-Zeiten aussieht und wie mit der neuen Art von Stressoren umgegangen werden kann.

Die entscheidende Triebkraft unserer Motivation sind selbstbestimmtes Handeln und unser individuelles Belohnungssystem. Ausgangsbeschränkungen und das Fehlen von Ausgleichsaktivitäten setzen unser gewohntes Antriebsystem nahezu außer Kraft. Wir benötigen also ein neues Belohnungssystem, welches uns einen Ausgleich schafft.

Feste und strukturierte Tagesabläufe sind von großer Bedeutung. Dazu zählt das zeitige Aufstehen am Morgen, Arbeit und andere Aktivitäten bei Helligkeit und Schlaf erst wenn es dunkel ist. Tagtäglich positive Höhepunkte bieten einen Ausgleich gegen die andauernde Anspannung. Hierzu zählt ein belebendes Workout, eine Leibspeise, ein Telefonat mit einer nahestehenden Person, eine Folge der Lieblingsserie oder der Kauf des Wintermantels, den man schon so lange haben wollte. Wenn einem die Decke mal auf den Kopf fallen sollte, hilft auch ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft. Die Nutzung der Medien kann auch ein entscheidendes Hilfsmittel sein. Die aktuelle Berichterstattung jedoch schürt Angst und Panik eher, als dass sie den Menschen hilft. Ein kleines News-Detox kann den Fokus wieder mehr auf die Gegenwart und auf einen selbst lenken. Man hat mal wieder Zeit durchzuschnaufen, ohne mit weiteren besorgniserregenden Informationen überlastet zu werden.

Fazit:

Auch wenn diese Zeit von Verantwortung und Solidarität geprägt ist, um das Virus einzudämmen, ist es nun einmal nötig, an sich selbst zu denken. Der radikale Einschnitt in die Selbstbestimmung und Gewohnheiten des Individuums kann ungewohnte körperliche Reaktionen hervorrufen. Daher ist es wichtig, sich schnell seiner Gefühle bewusst zu werden und einen Ausgleich zu schaffen. Mit dem Wissen der Einschränkung einer Vielzahl an Handlungsspielräumen, ergeben sich aber auch neue, noch nie ergründete Möglichkeiten. So habe ich bspw. noch nie so viele Läufer draußen auf der Straße gesehen oder so viele Freunde erlebt, die mir von ihren neuen kulinarischen Kreationen berichteten. Nie habe ich so viele Empfehlungen für Filme und Serien erhalten oder den Tipp, welches Trainingstool ich mir für mein Home-Gym als Nächstes anschaffe. Der Mensch ist dazu veranlagt, in Extremsituationen zu überleben. Immerhin haben wir Eiszeiten, Naturkatastrophen und Kriege überlebt. Werden wir also aktiv und lassen die Angst nicht Herr über unsere Gesundheit werden.

 

Bizeps & Bananenbrot - Der Podcast der Deutschen Sportakademie:

Hier könnt ihr euch unsere neue Podcast-Folge von Bizeps & Bananenbrot mit Gesundheitsmanager und Dozent der Deutschen Sportakademie Philipp Borgböhmer anhören: